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    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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  • GC 002 2017 Titel

Kommentar 02/2017

Wind des Wandels
Von Matthias Drobinski
Süddeutsche zeitung

In der katholischen Kirche geht es nach landläufiger Meinung so zu: Ganz oben sitzt der Papst. Der sagt den Kardinälen und Bischöfen, was sie zu glauben, reden und tun haben. Die wiederum geben die Weisungen an die Pfarrer weiter, die wiederum predigen den Gläubigen in der Kirchenbank. Das Kirchenvolk schließlich hat schafsgeduldig anzunehmen, was da von der Kanzel kommt. Der jeweils gute Hirte weiß, was seiner Herde frommt. Hat man jemals erlebt, dass ihm eine Kommission aus Muttertieren, Böcken, Lämmern sagt: Wir sollten hier entlang gehen?

Dabei war diese katholische Kirche längst nicht immer so straff und streng durchorganisiert. Dies ist eine Entwicklung aus dem 19. Jahrhundert, als die Päpste sich zunehmend von säkularen Ideen und Mächten bedrängt sahen. Sie gipfelte in der Dogmatisierung der Unfehlbarkeit von Papst und Kirche in Lehrfragen von 1870. Das hatte schlimme Folgen für diese Kirche: Sie wurde eng und starr, sie vernichtete den Geist, den sie doch lebendig halten sollte. Als 1959 Papst Johannes XXIII. ein allgemeines Konzil ankündigte, reagierten die anwesenden Kardinäle mit andächtigem Schweigen. Sie hatten das Reden gegenüber dem Papst verlernt.

Welch ein Wandel, wenn nun Papst Franziskus sagt, die katholische Kirche des Dritten Jahrtausends werde eine „synodale Kirche“ sein! Synodal heißt: Keine Entscheidung des Pfarrers, ohne die Gläubigen gefragt zu haben, keine Entscheidung des Papstes, ohne Anhörung der Kardinäle, Bischöfe, einfachen Leute. Dieser Wandel begann mit jenem Konzil, das Papst Johannes XXIII. damals einberief. Es war ein Wandel mit Krisen und Rückschlägen. Und auch jetzt gibt es Katholiken, die fürchten, Anarchie und Beliebigkeit könnten in ihrer Kirche Einzug halten, wenn die Hierarchie auf den Kopf gestellt wird: Kommt jetzt gar die Demokratie in die Kirche?

Dabei wohnt doch der Glaubenssinn im gesamten Gottesvolk. Es lebt der Geist, wenn man diskutiert, einander zuhört, streitet. Es wird die katholische Kirche nur dann eine Einheit bleiben können, wenn sie ihre Vielfalt liebt, trotz aller Spannungen und Anstrengungen. Es gibt vier Evangelien, nicht eins. Und es gab das Apostelkonzil, wo Paulus dem Petrus ins Angesicht widersprach. Synodalität heißt für den Christen: Auf mich kommt es an. Wenn ich nicht den Mund aufmache, tut es niemand. Der Schafsglaube kann ja sehr bequem sein: Man sitzt da und lässt sich berieseln. Wenn nun Franziskus von einer synodalen Kirche redet, heißt das: Dieser Schafsglaube hat ausgedient.

Demokratie ist das alles noch nicht, hat der Papst klar gestellt: Am Ende entscheide ich. Das mag verunsicherte Gemüter beruhigen. Andererseits: Die Katholiken brauchen nicht Tod und Teufel zu fürchten - und nicht einmal mehr Demokratie in ihrer Kirche.