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  • Miteinander sprechen, voneinander lernen

    Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der ACK in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christenfest und die Bedetung der Ökumene

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Interview 01/2017

Miteinander sprechen, voneinander lernen

Georgios Vlantis ist der erste orthodoxe Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Bayern. In Gemeinde creativ spricht er über das Jahr 2017 als gemeinsames Christusfest und die Bedeutung der Ökumene in Bayern.

Georgios Vlantis (36) ist seit Mai 2016 Geschäftsführer der ACK Bayern. Der gebürtige Athener kam ursprünglich als Erasmus-Student nach Deutschland. Dem folgte ein mehrjähriges theologisches Aufbaustudium. Der Diplomtheologe war zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig. Vlantis gehört der griechisch-orthodoxen Kirche an und hat diese mehrere Jahre lang bei der ACK Bayern vertreten. Er ist noch wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theologischen Akademie von Volos (Griechenland). Ökumenische Erfahrungen sammelte er unter anderem auch als Studienleiter der Orthodoxen Akademie von Kreta und in Gremien zur Vorbereitung der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan/Korea.

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Gemeinde creativ: Wie ist die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) organisiert und welche Aufgaben hat sie?

Georgios Vlantis: Die ACK Bayern ist ein Forum der multilateralen Ökumene, das auf Landesebene agiert. Neunzehn Kirchen und kirchliche Gemeinschaften sind in ihr zusammengeschlossen, zwei weitere nehmen als Gäste daran teil; vier ökumenische Basisorganisationen sind auch noch dabei. Unsere ACK ist selbstständig, aber doch intensiv vernetzt: mit der ACK Deutschland, mit den regionalen ACKs (die ACKs der anderen Bundesländer), aber vor allem mit den lokalen ACKs in Bayern. Sie pflegt den Dialog durch gegenseitige Information und Beratung; fördert das Gespräch über Fragen des Glaubensverständnisses, des Gottesdienstes und des geistlichen Lebens; bezeugt die christliche Botschaft in der säkularisierten Welt; engagiert sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung und für eine gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche; und sie setzt sich für ein friedliches Miteinander der Religionen und Weltanschauungen ein.

Mit welchen Themen hat sich die ACK Bayern in den vergangenen Jahren beschäftigt?

Bei unseren Delegiertenkonferenzen und Studientagen der letzten Jahre offenbart sich eine breite Themenpalette: die Bibel und ihre Hermeneutik in den verschiedenen kirchlichen Theologien, die Musiktraditionen der Konfessionen, die Flüchtlingsproblematik, die Impulse der letzten Vollversammlung (2013) des Ökumenischen Rates der Kirchen, der interreligiöse Dialog, die Eschatologie, oder die Schätze der Orientalischen Kirchen. Unsere nächste Delegiertenkonferenz steht unter dem Leitwort „Ecclesia semper est reformanda – Reformation, Reform, Evangelium“. Mit dem Projekt „Junge ACK“ versuchen wir junge Menschen anzusprechen und für die Belange der Ökumene zu begeistern. Außerdem haben wir eine Initiative zum Thema „Pilgerfahrt“ gestartet und bereiten entsprechende Publikationen vor.

Welchen Stellenwert hat die Ökumene in Bayern?

Bayern ist konfessionell betrachtet bunt und diese Vielfalt wird immer positiver wahrgenommen, allerdings in unterschiedlichem Tempo, je nach lokalem Kontext. Eine sehr wichtige Rolle spielt dabei die gute Zusammenarbeit der zwei zahlenmäßig größten Kirchen, der katholischen und der evangelischen. Dass Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sich so gut verstehen, macht de facto die Bedeutung der Ökumene deutlich. Multilaterale Veranstaltungen finden Beachtung, wie die Gebetswoche für die Einheit der Christen oder der ökumenische Schöpfungstag. Natürlich muss man vorsichtig sein: Es gibt Kontexte, wo es mehr ökumenische Offenheit gibt und andere, wo man mehr Wert auf die Pflege des eigenen Profils legt. Der Stereotyp des ökumenisch offenen Kirchenvolkes und der versteinerten kirchlichen Hierarchien lässt sich so einfach nicht bestätigen. In vielen Fällen sind es Amtsträger, die, trotz innerkirchlichen Widerstands, den Weg der Ökumene bahnen. Jedenfalls dürfen wir uns in Bayern nicht beklagen, andererseits haben wir doch noch viel Arbeit zu leisten.

In welchen Bereichen sehen Sie aktuell die größten „ökumenischen Baustellen“?

Generell fehlt es auf Gemeindeebene an ökumenischem Basiswissen. In der Theologie sollen wir weiter an ekklesiologischen Modellen arbeiten, die dem ökumenischen Partner einen würdigen Platz anbieten; der andere ist nicht der Abtrünnige oder der Häretiker. Aber die größte Herausforderung ist, denke ich, das Wiederentdecken der Freude am christlichen Miteinander. Wir müssen endlich mit dem Jammern aufhören: Es gibt so vieles, das wir erreicht haben, das vor einigen Jahren noch undenkbar war. Die Tatsache, dass nicht alle Christen gemeinsam Abendmahl feiern, bedeutet nicht, dass sie wenig miteinander anfangen können. Die Unterschiede dürfen nicht als Alibi unserer Faulheit oder Unfähigkeit instrumentalisiert werden, ein stärkeres gemeinsames Zeugnis vor der Welt abzulegen.

Bei Ökumene denken die meisten an die Zusammenarbeit von katholischer und evangelischer Kirche. Sehen Sie Ihre besondere Aufgabe auch darin, die Vielfältigkeit der christlichen Ökumene bekannter zu machen?

Ja, selbstverständlich, dafür gibt es die ACKs. Man muss mutigere Schritte in die Richtung des multilateralen Dialogs wagen; Ökumene bedeutet nicht nur katholisch-protestantischer Dialog. Auch das Reformationsjahr gibt uns Impulse und Chancen klarer zu machen, dass die Reformation nicht nur eine bilaterale Sache ist. Es gibt auch sehr viele andere Kirchen mit ihren eigenen Zugängen dazu. Natürlich werde ich als Orthodoxer versuchen, Akzente aus meiner Tradition in meiner Arbeit zu setzen, aber nicht auf Kosten der anderen. Bayern ist konfessionell bunt und dies ist von großer theologischer und kultureller Bedeutung.

2017 ist in Sachen Ökumene ein besonderes Jahr. 500 Jahre Reformation – ist das nun ein Jubiläum, das es zu feiern gilt, oder doch eher ein Gedenken?

Die Antworten variieren je nach konfessionellem Standpunkt und persönlicher Einstellung. Diejenigen, die von einem Jubiläum reden, heben die positive Leistung der Reformation hervor. Die anderen, die von Gedenken sprechen, wollen nicht, dass der schmerzvolle Moment der Spaltung ausgeklammert wird. Gerade durch die ökumenischen Gespräche konnte man zu der Einsicht gelangen, dass es um ein Christusfest gehen soll. Christus müssen wir in die Mitte unseres Lebens bringen; das ist ein reformatorisches und auch ökumenisches Anliegen. Meiner Ansicht nach ist aber das Christusfest nur ein echtes Christusfest, wenn es gleichzeitig ein Fest des Heiligen Geistes ist. Der Geist offenbart uns Jesus als den Christus und ermutigt uns in unserem ökumenischen Weg, dieser bringt die Dynamik und die Hoffnung der Kirche zum Ausdruck.

Wie sieht es mit den Kontakten der ACK zu Juden und Muslimen aus?

In den Richtlinien der ACK Bayern steht ausdrücklich, dass sie den Dialog mit Menschen jüdischen Glaubens sowie mit anderen Religionen und Weltanschauungen pflegt. An unserem Engagement für Flüchtlinge wird das derzeit sehr deutlich. Die ACK kämpft entschieden gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus. Mein erster Tag im Amt als Geschäftsführer war der 1. Mai 2016, an dem die Orthodoxie das Osterfest feierte. Gleichzeitig war es der Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau. Ich war eingeladen, am ökumenischen Gottesdienst dort teilzunehmen. Also habe ich Ostern und meinen ersten Tag im Amt in Dachau verbracht, ein starkes und ermutigendes Erlebnis. Verschiedene ACKs haben über den interreligiösen Dialog gearbeitet. Der interreligiöse Dialog ist aber etwas anderes wie die innerchristliche Ökumene, auch das muss man immer wieder deutlich machen.

Papst Franziskus hat kürzlich dazu aufgerufen, den 1. September künftig als Gebetstag zur Bewahrung der Schöpfung zu begehen. Die ACK hat den Ökumenischen Schöpfungstag schon seit einigen Jahren im Kalender stehen. Warum war der ACK dieses Thema schon früher so wichtig?

Die Worte von Papst Franziskus zum Schöpfungstag erfreuen und ermutigen die ganze Ökumene. Es ist schön, dass die katholische Kirche einen ökumenisch so aufgeschlossenen Papst hat. Allerdings ist er nicht der Einzige und auch nicht der Erste, der dazu aufruft. Schon in den 1980ern hat der damalige Ökumenische Patriarch von Konstantinopel Dimitrios, das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie, dazu aufgerufen, den 1. September als Tag der Schöpfung zu feiern. Sein Nachfolger, der amtierende Patriarch Bartholomaios, hat viele ökologische Initiativen ergriffen, weswegen er auch „Grüner Patriarch“ genannt wird. Der Schöpfungsbegriff weist auf den Kern des christlichen Weltbildes hin. Dieses setzt einen Schöpfer, einen Beginn voraus. Das ist nicht selbstverständlich, bei den alten Griechen gab es diesen Glauben zum Beispiel nicht. Dort spricht man von Kosmos, aber nicht von Schöpfung. Die Welt ist ewig, hat keinen Anfang, kein Ende, nichts. Der Ökumenische Tag der Schöpfung ist eine Einladung, den Wert der Schöpfung (wieder neu) zu entdecken und in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses zu stellen. Für die Ökumene ist das Fest von besonderer Bedeutung; es bietet ein starkes Zeichen der Verbundenheit zwischen den christlichen Kirchen. Es ist auch ein gemeinsames Erscheinen der Kirchen vor die Welt, ein Ausdruck ihres Engagements für die Sorgen unserer Gesellschaft.

Was wünschen Sie sich von Pfarrgemeinden?

Ich wünsche mir, dass die Gemeinden der verschiedenen Kirchen mehr ökumenische Neugier zeigen. Dass sie sich zueinander öffnen, aufeinander zugehen und sich kennenlernen, dass sie gemeinsame Projekte realisieren, zum Beispiel gemeinsame Veranstaltungen planen, Andachten anbieten, sich gegenseitig besuchen, miteinander diskutieren und beten. Wir können voneinander lernen und dieses Miteinander genießen.

Das Interview führte Alexandra Hofstätter